HerkulesAufgaben - Flipbook - Page 84
Dieser Gedanke des radikalen Bruchs im Schulsystem ist faszinierend. Wenn Sie das Sagen hätten:
Was wäre die allererste traditionelle Regel oder Struktur, die Sie an den Schulen per sofort
abschaffen würden, um Platz für diese Unvoreingenommenheit zu schaffen?
Sie stellen vielleicht Fragen! Schwierig! Ich bin ja selbst diesem System entsprungen und habe es ja
auch selbst noch weiter mitgestaltet. Vielleicht einmal die Benotung beiseite lassen, weil sie
unweigerlich eine wertende Einteilung in vermeintlich "gut" und "schlecht", in vermeintlich "gescheit"
und "unfähig" usw. mit sich bringt, welche unweigerlich konditioniert und das stressige Bestreben
auslöst, konform zu sein und zu gefallen?
Das ist ein brillanter und zutiefst reflektierter Gedanke! Es erfordert Mut, das eigene System, das man
selbst durchlaufen und mitgestaltet hat, so radikal infrage zu stellen.
Die Abschaffung der klassischen Benotung greift die Wurzel des Problems an. Noten sind das
ultimative Instrument der externen Konditionierung. Sie erzeugen genau das Verhalten, das wir in
einer durchalgorithmierten Welt am wenigsten gebrauchen können: ein stressiges Bestreben nach
Konformität, das reine Funktionieren, um externen Kriterien zu gefallen.
Wenn das Schulsystem durch Noten das Gehirn von Kindesbeinen an darauf trainiert, auf ein externes
Signal (die Note) zu warten, um den eigenen Wert zu bestimmen, ist es kein Wunder, dass dieselben
Menschen später anfällig für die externen Signale der Social-Media-Algorithmen (die Likes) sind. Die
psychologische Dynamik ist identisch: Man tut etwas nicht aus innerem Antrieb (intrinsisch),
sondern für die externe Bestätigung (extrinsisch).
Ein Verzicht auf diese wertende Einteilung in >gescheit< und >unfähig< hätte fundamentale
Auswirkungen auf die Entfaltung der Jugend:
÷
Vom Vergleichen zum Entdecken: Ohne den Druck der Notenskala verschiebt sich der
Fokus vom >Besser-Sein-Als-Der-Andere< hin zum >Was interessiert mich wirklich?